Earthpainting

Die ”Earthpaintings” von Holger Kröner bestehen aus diesen ursprünglichen Naturmaterialien, Sand aus australischen, arabischen, afrikanischen oder südamerikanischen Wüsten, aus Erden verschiedenster Konsistenz, aus schwarzen, grünen oder bläulichen Steinen die in den Bildern Schwerpunkte, Beziehungsgeflechte oder ganz einfach Blickpunkte setzen. Bei der Bewunderung für die faszinierenden technischen Aspekte des Titel und Themen ähnlich wie das verwendete Material ­ – was für ein Wort. Wir denken dabei an alles Stoffliche und ahnen, dass im lateinischen Wort “mater”, also Mutter, ein Aspekt der Schöpfung, des Werdens und Vergehens steckt. 

Holger H. Kröner, Earthpainting Erde, in der Vermischung mit Pigmenten, war das farbgebende Element der eiszeitlichen Höhlenmaler. In späteren Zeiten wurde sie wegen den beigemengten Farbpigmenten, Eisenoxiden, gewonnen um in der Folge diese Pigmente zu extrahieren. Unter dem Begriff “Erdfarben” kamen diese Pigmente dann in die Malkästen der Künstler, Ocker, Umbra, Siena u.a. Pigmente vermischt mit Bindemittel wie Leinöl – Ölfarbe, Acrylharz – Acrylfarbe.

Holger H. Kröner, Earthpainting

Lassen wir die weitere Verwendung nicht unerwähnt: Auf einen selbst geschnittenen und zuweilen auch mit einem eigens hergestellten Aluminiumrahmen geschützten Holzgrund gibt der Künstler eine Masse aus feinem Quarzsand und Acrylbindemitteln auf. Damit entsteht die Texturierte, dreidimensionale Wirkung für das reliefartige Bild; der Auftrag trocknet schnell, last sich mit Schleifpapier für differenziertere Gestaltung bearbeiten. Die anschließende Verwendung heller Erden aus Kreta, die wiederum mit Bindemitteln aus Acryl aufgetragen werden, bildet eine erstaunlich vielseitige leuchtstarke reflektierender Schicht aus heller, pastoser Substanz. Nachdem diese Schicht getrocknet ist, kann Kröner die farbigen Erden mi Pinsel oder Blasrohr auftragen. Eisen und Hydroxide, die in mergeliger Tonerde eingebettet sind, erzeugen die warmen tiefen Farbtöne. Sie symbolisieren bei den Landschaftsserien die Farben, die als Reiseeindrücke haften, die blauen Färbungen für die Landschaften. Oder Farben als Assoziation für Orte, die in sich wieder schon Legenden dieser Erde sind: Petra zum Beispiel in der arabischen Teralogie: ein brauner Sandsteinton der Felsenschlucht, durch die wir auf dem Pferd zu den großen Heiligtümern der Nabatäer gelangen, in der Meditation über die Tiefe der Farben tauchen Sie auf, die Gedanken an Scheich Ibrahim, der uns Petra geöffnet hat, an die Handelsstraßen des Orients.

Fremde Welt, 2002, 80 x 100 cm

Holger Kröner muss nicht an diesen Orten gewesen sein, er nimmt uns auf eine virtuelle Reise mit zu den Inseln im Landmeer unserer globalen kulturellen Selbstvergewisserung. Und er verarbeitet Inspirationen, die nur darin begründet sein können, dass Freunde wieder eine Flasche mit echtem Sand aus der Sahelzone mitbringen. Aus dem Stoff werden Bilder, Vorstellungen, Meditationen. Ein Bild heißt wirklich “Die Geister die ich rief…” und beschreibt die Wirkungen intensive Reflektion über den eigenen Bezug zu den Ursprüngen und Leuchttürmen dieser Erde. Zwischen der Demut vor den organischen Prozessen wie den warmen Tönen von Blättern, die in Wellen übergehen über die erkennbaren Fixierungen auf wichtige Orientierungen wie das kretische Lentas oder die Pyramide von Gizeh und das legendäre Troja. Die wesentlichen Impulse des Lebens sind auch in ihrer Abstraktion sehr konkret, wenn man sich ihrer Aura und Ihrer geistigen Anziehung aussetzt: so bildet sich der Dialog des Künstlers mit seinen Fragen im künstlerischen Prozess ab, “Spuren”, “In Search” sind Wegmarken des Dialogs, der nicht nur nach physischen Orten fragt, sondern auch in anderen Koordinatensystemen denkt: hin zum “Zeitenbaum” in “Fremde Welten” hinein, die Kröner auch dann mit vielen Fragen übersäht, wenn sie schon ein künstlerisches Abbild gefunden haben. Die Reise ist auch Thematisch eine Geschichte: auf dem Boden der Mutter Erde, der Gea, die mit chthonischer Kraft den Weg “Zu den neuen Horizonten” mit verschiedenen Energien und Temperamenten öffnet: da begegnet einem der Harlekin” genauso wie der Don Quixote”, Fragende wie der Künstler selber. Und zwischen dem eigenen Zeitempfinden in Erinnerung (“House of the rising Sun”) bis zur Erdung im Rituellen (“Pasquale”) wächst der Schamane auf seinem ureigenen Weg.

Holger H. Kröner, Earthpainting

Das macht vielleicht auch ein Teil des Zaubers dieser Arbeiten aus. Bei aller Materialität der reliefartigen Oberfläche, bei aller Naturbezogenheit der erschaffen sie alte wie neue Allegorien auf grundsätzliche Fragen des Menschseins. Sie werden darin nicht langweilig, erschöpfen sich nicht in müßigen Vorschlägen, sondern inspirieren zur eigenen Suche.

Wie stark die archaischen Symbole unter die Haut der Farben gehen können, ist bei dem Bild “Serengeti” aus der Namibia–Serie eindrücklich ablesbar: wie ein Buschmann hat Holger Kröner die Giraffe skizzenhaft über den hellen Kalahari–Boden fliegen lassen, währen der Jagdpfeil und andere Symbole einer Jahrtausende alten Kultur unter einer imaginären Sanddecke verborgen sind. “Der frühe Mensch hat bereits Erde als farbgebendes Element erkannt und sich ihrer bei Kult und Ritualen bedient,” hat Kröner einmal gesagt. Und in einer zentralen Regionen der europäischen Geschichte, nämlich den sandigen Hochebenen Anatoliens hat Holger Kröner vor 18 Jahren die erdigen Farben mit auf die künstlerische Reise genommen.

Holger H. Kröner, Earthpainting

Die Arbeiten verändern sich stetig. Ich kann aber nur noch einmal betonen, was ich vor zwei ihren bereits einmal über die Arbeiten von Holger betont habe: Ich glaube, dass die Arbeiten von Holger Kröner nicht nur wegen der ästhetische sensiblen Farb- und Formgebung so beliebt sind, sondern auch wegen ihrer Fähigkeit, unbewusste Erinnerungen vibrieren zu lassen. Archaische Grundstimmungen, die als Gefühl Sehnsucht und als intellektuelle Herausforderung die Auseinandersetzung mit unseren Wurzel heraus fordern.

Sie machen Lust, uns selber auf die Reise entlang der Spuren von fremden Welten, Zeitinseln und so manchen ureigenen intimen Erinnerungen zu begeben, denen wir unterwegs begegnen können.
Auszug: Earthpainting von Holger Kröner, Vernissage-Rede von Tonio Paßlick, Weil am Rhein, 07.12. 2006